Nikolai Tokarev mit Mussorgsky im Prinzregententheater


Bei den flirrenden Klingelspielen der "Schneeglöckchen" kam eine Ahnung von der Poesie auf, die das Klavieralbum von Tschaikowskys "Jahreszeiten" durchzieht. Aber da war es ja noch "April". Erst im "Juni" mit dem Andante cantabile der "Barkarole" und am schönsten im "Herbstlied" des Oktobers ließ sich Nikolai Tokarev im Prinzregententheater auf die Nuancen von Tschaikowskys Klangpsychogrammen ein, die so oft an Schumann erinnerten.


Tokarevs eigentliches Konzert aber kam danach. Obwohl es wieder um ein klangmalerisches Bilderprogramm ging, entfesselte er in Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" die gewohnten Potenziale seines Klaviervirtuosentums: eine dramatische Gegenromantik von russischem Kaliber. Schon die "Promenaden" lud er mit jenem leidenschaftlichen Pathos auf, das sich nur in der originalen Klavierfassung so überwältigend freisetzen lässt, während in den bekannten Orchesterfassungen die Farbspektren dominieren. Die aber sollten jetzt nicht fehlen. Deshalb kam man auf die Idee, sie in einer Art Light-and-Sound-Performance visuell zu ergänzen. Modell dafür war die Bühneninszenierung von Wassily Kandinsky, die er 1928 in Dessau zu Mussorgskys Klangbilderreigen aufgeführt hatte. Computeranimiert malten jetzt die abstrakten Farb- und Figurenmuster Kandinskys dessen optische Expressionen zur Musik auf die Leinwand: samt glühenden Sonnenimagos, dem Grundriss von "Limoges" in Mussorgskys "Markplatz", und reichlich Kandinsky-Porträts. So entstand eine interessante Choreografie synästhetischer Reize, die mal entzückte, mal ablenkte.

 

Zu Tokarevs "eigentlichem" Konzert gehörten aber auch vier Zugaben, mit denen er sein fulminantes Klaviertitanentum zur Begeisterung aller mit Leidenschaft fortsetzte, am Schluss mit einem selbstkomponierten Quodlibet von Beethovens "An Elise" bis zu Bach. Jubel, Trubel, Heiterkeit.

Süddeutsche Zeitung / Klaus P. Richter